Möglichkeiten und Grenzen intersektionalitätsinformierter Therapie und Beratung
BEITRÄGE DER TAGUNG ALS ABSTRACTS
Intersektionale Perspektiven in psychiatrisch-psychotherapeutischer Begleitung
// DR. AMMA YEBOAH
Um Vulnerabilitäten sichtbar und besprechbar zu machen wird international das Konzept TSD - therapeutic self-disclosure (therapeutische Selbstoffenbarung) diskutiert besonders weil eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung ein Herzstück erfolgreicher Therapien ist. Ich führe das Konzept ITSD – intersectional therapeutic self-disclosure mit positiven Effekten und Herausforderungen für den therapeutischen Raum ein und versuche vorsichtig Handlungsempfehlungen aus den eigenen empirischen Ergebnissen sowie eines Literaturreviews abzuleiten.
The Magic of The Margins: Rethinking Healing From the Perspective of Queer Exile
// AHMED AWADALLA
In her poem A Litany for Survival, Audre Lorde proclaims we were never meant to survive. This ‘we’ is ambiguous. She speaks of ‘those who live at the shoreline, standing upon the constant edges of decision, crucial and alone’, those who ‘love in doorways coming and going, in the hours between dawns, looking inward and outward’, and those who ‘were imprinted by fear’. But we know she herself is included; black, woman, lesbian, survivor and warrior. She speaks of those who exist on the margins, in a liminal space, these margins pose questions: Will their troubled existence give space for their dreams to be achieved? For their love to be seen? Can we be healed?
Yet this liminal space, these margins, hold knowledge and wisdom, carry potential and capability, not only for survival but also for recovery and healing. These margins are embodied by the racialized, displaced, queer, trans, neurodivergent and the disabled. Being on the margin shaped my own journey with healing, being a queer body from the (neo)colonized global south, (Egypt to be specific), forced into exile in the white western world (Germany in this case).
This duality between marginality and the aptitude for healing is what I aim to reveal through my intervention. Based on my personal experiences as well as my work engagement as a psychosocial worker in Egypt and Germany, I aim to approach the following questions: What does a queer exile perspective reveal about the traditional systems of mental health and psychotherapy? And how can marginality offer new ways of thinking about healing?
Intersektionale Diskriminierungserfahrungen: Vorstellungen eines Reviews und einer partizipativen Studie
Diskriminierung und Intersektionalität im psychischen Hilfe- und Beratungssystem - ein systematischer Literaturreview
// DR. MIRJAM FAISSNER
Ziel dieses Beitrags ist die Erfassung und Sichtbarmachung der intersektionalitätsinformierten Forschung zu Diskriminierungserfahrungen im psychischen Hilfe- und Beratungssystem. Dafür werden die vorläufigen Ergebnisse eines systematischen Literarturreviews vorgestellt. Es wird diskutiert, welche Diskriminierungserfahrungen beschrieben werden, welche intersektionalen Positionen thematisiert werden und wie Intersektionalität zum Einsatz kommt. Die Ergebnisse können genutzt werden, um Implikationen für Praxis sowie weitere Forschungsdesiderate abzuleiten.
Intersektionale Diskriminierungserfahrungen in der psychischen Gesundheitsversorgung - Sichtweisen von Betroffenen, Berater*innen in psychosozialen Beratungsstellen und psychiatrischen Professionellen
// NENEH ROSALÍA QUADFLIEG ET AL.
Werkstattbericht aus der partizipativen qualitativen Studie zu intersektionalen Diskriminierungserfahrungen in der psychischen Gesundheitsversorgung - Sichtweisen von Betroffenen, Berater*innen in psychosozialen Beratungsstellen und psychiatrischen Professionellen.
Therapie von und mit trans Personen
Therapie mit Trans*Personen aus intersektionaler Perspektive
// DR. GISELA FUX WOLF
Handlungsempfehlungen an eine TIN*-inklusive gesundheitliche, psychotherapeutische Versorgung aus der Perspektive der Antidiskriminierungs- bzw. Inter*Trans*-Beratung
// TILLY TRACY REINHARDTFür viele trans*, inter* und nicht-binäre Menschen (tin*) sind die Hürden für eine gute und diskriminierungsarme Gesundheitsversorgung hoch. Dazu zählt insbesondere auch die psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung. Pathologisierende Kostenübernahme von Leistungen durch Krankenkassen, fehlendes Wissen bei Behandler*innen und zu wenige verfügbare tin*-freundliche Versorger*innen sind nur einige Probleme. Darunter leidet auch die Gesundheit der Betroffenen. Anhand von aktuellen Studien (aus den letzten Jahren und anhand von Beispielen von Diskriminierung (aus der Beratungspraxis) möchten wir Bedarfe für eine tin*-inklusive Versorgung im Bereich der Psychotherapie und psychosozialen Versorgung/Beratung aufzeigen. Dabei möchten wir eine intersektionale Perspektive (Crenshaw) und diversity-sensible Perspektive (Czollek / Perko) einnehmen.
Beziehungsgestaltung als BIPoC in Gesprächen
// SANGITA POPAT
Sowohl für Berater*innen, Therapteut*innen, Teamer*innen in allen möglichen Kontexten ist eine gute Arbeitsbeziehung das Fundament, um eine gute Begleitung anbieten zu können. Neben einem Bewusstsein darüber, wie die eigenen Postionierungen, Identitäten und biografischen Aspekte wirken könnten, spielt meiner Erfahrung nach auch eine sehr relevante Rolle, wie ich gelesen werde, welche Vorerwartungen, Hoffnungen an mich eventuell auch Vorbehalte mir entgegen gebracht werden.
Dieser Workshop ist eine Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen, wie wir mit diesen Aspekten als BIPoC umgehen, umgehen möchten, umgehen können. Wir können schauen, was es mit uns macht, wenn wir gleichzeitig unser Sein und Wissen anbieten und z.B. das Gefühl haben, aus einer uns nicht genehmen Position heraus gewertet zu werden oder das entgegengebracht zu bekommen, dass wir schon alles verstehen und gleichzeitig wissen, wir verstehen eigentlich nicht. Ich kann (leider) keine Lösungen anbieten, sondern nur einen achtsamen Umgang bei einer gemeinsamen Suche miteinander.
Konzepte für intersektionale Therapie unter der Lupe
Post-Happyland: Intersektionales Privilegienbewusstsein und therapeutische Selbstoffenbarung als erste Schritte für intersektionalitätsinformierte Therapie und Beratung?
// Sabrina SaaseAnhand einer eigenen qualitativen Studie mit Pias (Psychotherapeut*innen in Ausbildung) aus verschiedenen Therapieschulen mit diversen Hinter- und Vordergründen zur Rolle von Diskriminierungs- und Privilegierungserfahrungen verbunden mit umfassender Literaturrecherche, möchte ich in diesem Input die Konzepte intersektionales Privilegienbewusstsein und therapeutische Selbstoffenbarung als erste Schritte für eine intersektionalitätsinformierte Therapie und Beratung diskutieren. Im Fokus standen intersektionale Erfahrungen an den Schnittstellen von Rassismus, Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen, aber auch Alter wurde als entscheidende Dimension benannt. Wie im Happyland von Tupoka Ogette sind ohne Privilegienbewusstsein Diskriminierungen das Vergehen der Anderen. Dadurch können persönliche Vorteile von Privilegien und die damit einhergehende Beteiligung und Verantwortung leicht negiert und verdrängt werden. Post-Happyland-Reaktionen auf privilege awareness bewegen sich zwischen privileged tears mit negativen (Abwehr-) Reaktionen und Handlungsmacht mit Empowerment und Solidaritätspotential. Privilegierte Positionierungen werden intersektional und fluide betrachtet, da Menschen aufgrund verschiedener Identitätsdimensionen vielfältige Schnittmengen verschiedener Diskriminierungs- und Privilegierungserfahrungen auf individueller, struktureller und diskursiver Ebene erfahren, die je nach zeitlichem und geopolitischem Kontext variieren können. Vulnerabilitäten werden als Stärke verstanden, die als Grundläge für Resilenzen dienen können und das Framing intersektionale Privilegierungserfahrungen ermöglicht ein ressourcenorientiertes Denken und Handeln und ermöglicht Verbündetenschaften. Um Vulnerabilitäten sichtbar und besprechbar zu machen wird international das Konzept TSD - therapeutic self-disclosure (therapeutische Selbstoffenbarung) diskutiert besonders weil eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung ein Herzstück erfolgreicher Therapien ist. Ich führe das Konzept ITSD – intersectional therapeutic self-disclosure mit positiven Effekten und Herausforderungen für den therapeutischen Raum ein und versuche vorsichtig Handlungsempfehlungen aus den eigenen empirischen Ergebnissen sowie eines Literaturreviews abzuleiten.
Auf der Suche nach kultursensibler Psychotherapie - Ein Bericht aus der therapeutischen Praxis
In diesem Vortrag gebe ich einen Einblick in meine psychotherapeutischen Arbeit in der Klinik und der Suche nach Ansätzen für „kultursensible“ Psychotherapie. In meinem Behandlungszimmer begegne ich, eine Therapeutin mit eigenen vietnamesischen Migrationsbezügen, Menschen - sogenannte Patient:innen - auch mit vietnamesischen Migrationsbezügen. Bediene ich mich dem Mehrheitsnarrativ, könnte ich sagen, dass alle Beteiligten der selben Kultur angehören. Aber so einfach ist das nicht. Was heißt überhaupt „selbe Kultur”? Ein rassismuskritischer Blick zeigt fundamentale Schwierigkeiten auf, doch im Behandlungszimmer werden oftmals Begriffe und theoretische Konzepte zweitrangig, wenn es um (therapeutische) Beziehung geht. Wichtiger werden dann die Fragen nach Verbindungsmomenten von Behandelt:innen und Patient:innen, Chancen und Herausforderungen einer solchen Verbindung und immer wieder die Frage nach der guter Gestaltung eines heilenden Raums für Menschen, die von Migration, Rassismus und anderen intersektionalen Erfahrungen betroffen sind und im deutschen Gesundheitssystem kaum Platz sowie Sicherheit finden.
Diskriminierungserfahrungen für alle begreifbar machen mit Kunsttherapie
// SIMON BOSCH
Nicht nur im privaten, sondern auch im Weiterbildungs- oder therapeutischen Kontext fällt es oft schwer, Erfahrungen mit Diskriminierung so anzusprechen, dass andere (evtl. nicht selbst betroffene) Menschen wirklich verstehen, was wir zu vermitteln versuchen. Hier bietet die Kunsttherapie (KT) non-verbale Möglichkeiten des Ausdrucks an. Im Rahmen dieses interaktiven Inputs möchte ich als Impuls eine praktische Intervention vorstellen, die kunstbasiert vorgeht: den „Erfahrungsraum“. Er macht Verflechtungen sichtbar, wirkt auf das körperliche Erleben und sorgt so für Aha-Momente, die in einem nächsten Schritt dann benannt und geteilt werden können.
Ansätze außerhalb des therapeutischen Settings
Geteiltes Leid ist halbes Leid? – Die Chancen von Hashtags in der Verarbeitung struktureller Gewalt
// PHILIPPA PETERS
Spätestens seit #MeToo sind soziale Medien als Raum der Gewaltverarbeitung ein bedeutender Ort. Auch weitere Hashtags (wie #MeTwo) und online Initiativen (catcalls of _) machen auf Gewalt und Diskriminierungserfahrungen aufmerksam. Was macht die Veröffentlichung von Gewalterfahrungen so attraktiv für Betroffene von Gewalt? In einem Vortrag – basierend auf meiner Masterarbeit über #MeToo– möchte ich darstellen, wie wir Hashtags als Raum der kollektiven Gewaltverarbeitung verstehen können. Dabei werde ich mich auf das Zusammenspiel von individuellem Wissen und kollektivem Wissen in der Gewaltverarbeitung konzentrieren.
Intersektionale Ansätze in der psychologischen Lehre - Das WIE? WANN? und WARUM? aus studentischer Perspektive
// MARIE PÜFFEL
Wer heute in den Vorlesungsräumen von psychologischen Lehrveranstaltungen sitzt, wird morgen vielleicht psychotherapeutisch arbeiten, vielleicht forschen oder vielleicht auch in der Personalabteilung arbeiten. Die Ausbildung, die wir dabei erhalten, wird unseren späteren Berufsweg und unsere Qualifikation prägen und ist gleichzeitigt geprägt von den Lehrenden, die diese ausüben. Lehrende, die in der Regel einer älteren Generation angehören als die unsere und die vorrangig privilegiert sind - bezüglich Machtsystemen wie z.B. Rassismus, Klassismus, (Cis-)Sexismus und Ableismus. Was dabei noch viel zu kurz kommt, sind intersektionale Ansätze und eine Sensibilisierung für Diskriminierung und Machtstrukturen. In einem kurzen Praxisbericht wird es darum gehen, welche Wege es (aus stundentischer Perspektive) gibt, diese in die psychologische Lehre zu intergieren und warum wir dies so dringend brauchen. Anschließend wird zu einer Diskussion eingeladen, um gemeinsam weitere Probleme und Lösungen zu erarbeiten.
Ansätze institutioneller Psychotherapie und institutioneller Pädagogik
// LEILA HAGHIGHAT
Ich will in meinem Beitrag die Ansätze der institutionellen Psychotherapie (und insitutionellen Pädagogik) vorstellen, welche sich auf die psychosozialen Faktoren innerhalb von Gruppen in den Blick nehmen, die in den 1940er Jahren in dem psychiatrischen Krankenhaus von Saint-Alban in der Bretagne begründet wurde. Dies institutionelle Psychotherapie baut zum einen auf eine "analytische" Freud'sche Orientierung und andererseits auf eine "materialistische" Position im marxistischen Sinne sowie auf einer grundsätzlichen Kritik an totalitären und hierarchisierten Strukturen auf(Michaud, 1969, p. 14). Guattari wird für letzteres später den Begriff der Transversalität einführen. Die institutionelle Psychotherapie hat eine politische Orientierung. Sie versteht das Unbewusste (wie Deleuze/Guattari) als sich auf das soziale, ökonomische und politische Feld (Deleuze, 1976, S. 8). und erfasst das Begehren als treibende Kraft, das angesprochen werden soll um der Entfremdung der Menschen entgegenzuwirken (Robcis, 2021). Die institutionellen Psychotherapie hatte zudem einen großen Einfluss auf Frantz Fanon, mit dessen Arbeiten ich noch einen dekolonialen Aspekt der vorstellen könnte.
Intersektionale Perspektiven auf Empathielücken in der Psychotherapie
// DR. PUM KOMMATTAM
Das psychische Gesundheitssystem in Deutschland kennzeichnet sich durch einen Mangel an intersektionalen Angeboten, sowie rassismus- und transsensibler Psychotherapie. Während die Heterogenität der Bevölkerung steigt, ist die Gruppe der Behandelnden relativ homogen geblieben und verfügt häufig über begrenztes Wissen bezüglich stigmatisierter Lebensrealitäten. Da bis dato keine adäquate Aufarbeitung der europäischen Kolonialgeschichte statt gefunden hat, spiegeln gesamtgesellschaftliche Machtverhältnisse sich auch innerhalb des psychischen Gesundheitssystems wider. Für Menschen, die strukturelle (Mehrfach-) Diskriminierung erfahren, bedeutet dies, dass ein System, dass ihrer psychischen Gesundheit eigentlich zu Gute kommen sollte, ihnen oft psychisch schadet. In diesem Beitrag werden aus postkolonialer Perspektive sozialpsychologische und sozialkognitive Mechanismen besprochen die zur Reproduktion der gesamtgesellschaftlichen Diskriminierung innerhalb des Gesundheitssystem beitragen. Gemeinsam mit Erkenntnissen aus der Interkulturellen- und Intergruppenempathie werden im Workshop Handlungsempfehlungen und Übungen angeboten um die wachsende Bedarfslücke an intersektionaler Psychotherapie perspektivisch zu füllen.
Sichtbarkeit, Empathie, Haltung und Grenzen: Erfahrungen und Reflexion aus einer zehnjährigen ambulanten psychotherapeutischen Versorgung als Schwarzer Deutscher Cis-Mann im gesetzlichen Krankenkassensystem in Deutschland // ULI HEIDEMANN
Als approbierter Tiefenpsychologe und Schwarzer Deutscher cis-Mann möchte ich gern meine Erfahrungen zum Thema Intersektionalität im therapeutischen Raum teilen. Wenn ihr Therapierende, Therapeut*innen in Ausbildung oder an einer therapeutischen Ausbildung Interessierte seid, könnt ihr mir gern eure Fragen stellen und ich kann von biografischen Erfahrungen und von anonymisierten Fallvignetten bezüglich der Rolle von Diskriminierungserfahrungen im Therapiesetting berichten, um zukünftigen Generationen den Zugang nicht nur zu erleichtern sondern aktiv dafür zu werben und zu unterstützen mehr Diversität gesamtgesellschaftlich nachhaltig zu etablieren.
Weitere intersektionale Perspektiven
„Die kommt hier nie raus“ – Zwischen professionellem Anspruch und Wirklichkeit: Gedanken zum Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung in der psychotherapeutischen Arbeit
// CAROLIN BURKHARDT
Dieser Beitrag setzt sich aus einer Praxisperspektive mit struktureller Mehrfachdiskriminierung von Menschen mit geistiger Behinderung, ausgehend vom Kontext der forensischen Psychiatrie, auseinander. Menschen mit geistiger Behinderung sind tagtäglich auf individueller und struktureller Ebene mit Diskriminierung in Form von Ableismus bzw. Behindertenfeindlichkeit konfrontiert. Die Diskriminierungserfahrungen beinhalten nicht zuletzt sexualisierte Gewalt. Wenn Menschen aufgrund ihrer Behinderung der Kommunikationsweg durch verbalen Sprachausdruck verhindert ist, kann manchmal Körperlichkeit, z.B. in Form von Wutausbrüchen, ein letzter Weg sein, sich auszudrücken. Landen Menschen mit geistiger Behinderung - aus welchem Grund auch immer - in der forensischen Psychiatrie, enden die Diskriminierungserfahrungen nicht zwangsläufig. Auch dort ist nicht gewährleistet, dass das Personal adäquat auf diese Patient*innengruppe eingeht und für die strukturelle Dimension von Diskriminierung sensibilisiert ist. Das kann dazu führen, dass genau dort, wo Therapie und Hilfe propagiert wird, diese dadurch verhindert wird. Es gibt noch immer zu wenig Hilfsangebote, die für die Belange von Menschen mit geistiger Behinderung angepasst sind – sei es im ambulanten oder stationären psychotherapeutischen Bereich. Auch in der psychotherapeutischen Community ist es verbreitet zu denken, dass man mit dieser Patient*innengruppe keine erfolgversprechende Psychotherapie durchführen kann. Im Rahmen des Beitrags wird anhand eines Fallbeispiels aus der forensischen Psychiatrie aufgezeigt, auf welchen Ebenen Menschen mit geistiger Behinderung Mehrfachdiskriminierung im Klinikalltag ausgesetzt sind. Ebenso wird fokussiert, welche positive Wirkung daraus erwächst, wenn das Fachpersonal für die Diskriminierung sensibilisiert ist. Der Beitrag bietet Raum, gemeinsam über Alternativen und konstruktive Umgangsweisen nachzudenken. Er richtet sich an Praktiker*innen, möchte aber auch Impulse in die Forschung geben.
Suizid machtkritisch verstehen
// KRISTINA SHRANK DERNBACH
Gesellschaftliche und therapeutische Umgänge mit „Suizidalität“ sind in verschiedener Hinsicht an der (Re)Produktion von Unterdrückung beteiligt. Dabei werden Schmerz und Leid sowie deren strukturelle Bedingungen durch Psychopathologisierung individualisiert und durch ihre Absonderung in medizinisch-therapeutische Räume gesellschaftlich unsichtbar gemacht. Dies erschwert es nicht nur, die Verwobenheit von Nichtseinwollen in und mit Unterdrückungsstrukturen zu verstehen. Es behindert auch uns als Gesellschaft, einander in schweren Zeiten unterstützen zu lernen. Aus einer Perspektive epistemischer (Un)Gerechtigkeit (Fricker, 2007) stelle ich Alexandre Barils theoretischen Rahmen zur Analyse der Unterdrückung suizidaler Menschen - Suizidismus - vor. Dabei versuche ich, die Rollen von Ableisierung, Rassifizierung und Citizenship innerhalb der Widersprüchlichkeit der "Anordnung zu leben und zu Zukunft" (Baril, 2018, 2020) sichtbar zu machen, denn diese Anordnung gilt nicht für alle Menschen gleichermaßen. In Bezug auf suizidismussensible Beratung und Therapie schlage ich vor, zunächst deren enge Grenzen zu analysieren, um mögliche emanzipatorische und subversive Potenziale zu erkunden.
Klassendifferenz im psychotherapeutischen Setting: tiefenhermeneutisch gewonnene Erkenntnisse aus Sicht von Patient:innen „der Arbeiter:innenklasse“
// SONJA ZACHARIA
Dass von Klassismus betroffene Menschen in vielen Lebensbereichen benachteiligt sind, spiegelt sich auch im Kontext Psychotherapie wider. Denn trotz erhöhter Prävalenz von psychischen Erkrankungen sind von Klassismus Betroffene weniger in ambulanten Psychotherapien vorzufinden. Diese strukturelle Gegebenheit sowie meine eigene Klassenposition als „halbes Arbeiterkind“ haben mich dazu bewegt, Klasse im Kontext Psychotherapie beleuchten zu wollen. Für mein empirisches Forschungsvorhaben fokussierte ich mich auf die Dyade Mittelklasse- Psychotherapeut:in und Arbeiter:innenklasse-Patient:in und wollte hierzu Menschen befragen, die „der Arbeiter:innenklasse“ zugeordnet werden können und bestenfalls ambulante Psychotherapieerfahrung haben. Klasse operationalisierte ich hierbei mittels der Bildungsabschlüsse meiner Proband:innen sowie deren Eltern, d.h. es sollte kein Hochschulstudium absolviert worden sein. Mein Sample bestand aus drei Personen, mit denen ich problemzentrierte Interviews führte, die ich tiefenhermeneutisch auswertete. Als Ergebnis zeichnete sich ab, dass bei zwei meiner Proband:innen klassenspezifische Kränkungen im Laufe ihrer Biografie oft verspürt wurden, jedoch nicht im Kontakt mit ihren Therapeut:innen. Ich vertrete die These, dass Klassengefühle im Therapiekontext dennoch unbewusst vorhanden waren. Jedoch war eine Auslagerung dieser Gefühle notwendig aufgrund der psychischen Abhängigkeit zu den Therapierenden, um den Therapieraum weiterhin als safer space zu erleben. Meine dritte Probandin hatte ein zu meinem übrigen Sample divergierendes Therapieverständnis. Sie forderte konkrete Tipps und erlebte Therapeut:innen als passiv und wenig hilfreich. Sie verdeutlichte, dass sie von studierten Menschen mehr erwarte, wodurch ein Klassenbezug ersichtlich wurde. Hier zeigte sich, dass vor allem abstinente Therapieformen für Patient:innen in prekären Lebenssituationen kein adäquates Beziehungsangebot bereitstellten.
„…dass der Elefant im Raum der Rassismus war…“ People of Color erzählen - diasporisch situierte widerständige Perspektiven auf die Psychotherapie
// KIANA GHAFFARIZAD
Wie gestaltet sich ein Sprechen und Nicht-Sprechen über Rassismus im Therapiezimmer? Kiana Ghaffarizad hat im Rahmen ihrer Doktorarbeit mit rassismuserfahrenen Menschen gesprochen, die selbst eine Psychotherapie durchlaufen haben. Im Beitrag stellt sie einige der Reflexionen und Perspektiven ihrer Gesprächspartner*innen auf ihre Therapieerfahrungen vor und fragt danach, welche Effekte es möglicherweise haben kann, Rassismuserfahrungen in psychotherapeutischen Settings zu (de-)thematisieren.
Therapy for everyone or specific needs? - Thoughts on intersectional and diverse therapy and counseling from NGO perspectives with Kholoud Bidak about queer BIPoC
// KHOLOUD BIDAK
Therapy & counseling are essential tools to be able to navigate modern life in General and especially In Europe\Germany, when it comes to Queer BIPoC People that could be a challenge. Unfortunately, therapy structured to serve only white Cis Hetro abled bodied people and In German. The main idea on intersectional – informed therapy and counseling is to be able to offer queer BIPoC individuals the opportunity to have therapy and work out their traumas and PTSDs. I would like to offer one hour discussion on the topic of Intersection and diverse therapy, counseling and awareness.